Pommern in Deutschland und Europa

Grundfragen der Landesgeschichtsschreibung Pommerns

Pommern, das Land am Meer, und seine Einwohner haben eine Geschichte durchlebt, die an Wechseln und Umbrüchen ungewöhnlich reich war. Phasen der Ruhe und der inneren Konsolidierung waren, wenn es sie überhaupt gab — etwa in dem Jahrhundert nach der Reformation oder nach der Entstehung der preußischen Provinz 1815 —, nur kurz. Darüber wird in diesem Buch ausführlich berichtet. An dieser Stelle sollen einleitend grundlegende Konstituanten und Konstanten vorgestellt werden, die sich gleichsam wie Leitmotive durch die gesamte pommersche Geschichte hindurch verfolgen lassen. Hier geht es um das  Unverwechselbare-in der Geschichte Pommerns, während in der nachfolgenden Darstellung von der wechselvollen Geschichte des Landes am ?Meer und seiner Einwohner erzählt wird.

Im einzelnen soll in exemplarischer Weise die Einbindung der pommerschen Geschichte in ihren europäischen Kontext skizziert werden. Von den Möglichkeiten des historischen Vergleichs, der zugleich Voraussetzung für die Erarbeitung des allgemeinen, gemeinsamen europäischen Hintergrundes historischer Kulturlandschaften ist wie für die Erkenntnis des Individuellen und Unverwechselbaren, soll hier gesprochen werden, aber auch von den Einflüssen, die von außen die Geschicke Pommerns bestimmten. Nicht zuletzt soll der Weg der Landschaft am Meer vom pomoranischen Stammesherzogtum über das deutsche Reichsfürstentum und die Schwedenzeit bis hin zur Entstehung der preußischen Provinz und deren leidvollem Ende nachgezeichnet werden.

In der Geschichtswissenschaft werden Erkenntnisprozesse häufig dadurch in Gang gesetzt, daß dem Historiker die Probleme und Herausforderungen seiner eigenen Zeit Anregungen zu Fragen geben, mit denen er an die Geschichte herantritt. Aktuelle Entwicklungen eröffnen ihm neue Perspektiven auf die Vergangenheit. Das aktuelle Geschehen kann aber auch dazu beitragen, bereits bestehende Wertungen über historische Ereignisse und Zeiten zu verändern, wenn der Historiker selbst in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche lebt, so daß am Ende die historischen Ereignisse ganz neu und ganz anders bewertet werden.

In den einzelnen Kapiteln dieses Buches wird von den Autoren auf jeweils eigene Weise die Frage beantwortet, inwieweit das aktuelle Geschehen unserer Zeit, das heißt das Ende des Kalten Krieges, die Beseitigung des Eisernen Vorhangs, die europäischen Einigungsprozesse oder die deutsche Vereinigung dazu geeignet sind, die bisherige Sicht auf die Geschichte Pommerns zu verändern. Diese Bezüge sind grundlegend für eine überregional vergleichende Betrachtung, aus der die Maßstäbe für Einordnung, Beurteilung und Bewertung pommerscher Geschichte gewonnen werden können, die sich aus einer isolierten Betrachtung der Geschichte einer einzelnen Landschaft nicht erschließen.

Wir erkennen heute das analytische Potential, das sich in den europäischen Bezügen der Geschichte einer historischen Kulturlandschaft verbirgt. Das trifft in besonderem Maße für Pommern zu, das im Laufe seiner Geschichte mehreren europäischen Mächten teils nacheinander, teils gleichzeitig angehörte. Damit, so scheint es, liegen die europäischen Bezüge offen zutage. Gemeint sind hier aber auch die verdeckten Bezüge, die sich nicht — wie etwa die politischen — auf den ersten Blick zu erkennen geben. Dazu gehören die wirtschaftlichen ebenso wie die kulturellen Kraftlinien und Einflüsse, die Regionen zu Einheiten verbinden. Als übergreifende, alle seine Regionen umfassende kulturelle Einheit hat Europa ohnehin nie ganz aufgehört zu existieren, auch nicht nach der Reformation. So atmet noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts an den pommerschen Höfen von Wolgast und Stettin das Mäzenatentum der Greifenherzöge sowie ihr persönliches Interesse für Kunst und Wissenschaft ganz den europäischen Geist der Zeit.

Wegen der exponierten geographischen Lage Pommerns an der Odermündung richtete sich seit den frühesten Anfängen seiner Geschichte das Interesse der benachbarten Mächte auf das Herzogtum der Greifen. Die Geschicke des Landes und seiner Einwohner wurden immer wieder von der Position Pommerns innerhalb des jeweiligen Beziehungsgeflechts der europäischen Mächte beeinflußt. Heute ermöglicht unser durch die aktuellen Ereignisse geschärfter Blick für gesamteuropäische Prozesse ein vertieftes Verständnis für die europäischen Bezüge und Hintergründe der Geschichte Pommerns. Dabei handelt es sich um eine integrale europäische Sichtweise auf die Geschichte einer einzelnen Landschaft, die im universalistisch geprägten Bewußtsein der mittelalterlichen Gelehrten und Herrschaftsträger durchaus schon einmal vorhanden war, die wir heute aber erst wieder neu gewinnen müssen.

Auch das Verständnis für den bislang letzten und wohl schmerzhaftesten Einschnitt in der Geschichte Pommerns erschließt sich in seinen tieferen Dimensionen vollständig erst aus der übergeordneten Warte der europäischen Politik: die Vertreibung der Bewohner aus Hinterpommern, der östlichen Landeshälfte bis hin zur Oder sowie die Neubesiedlung des von seiner alteingesessenen Bevölkerung entleerten Landes mit Menschen aus den verschiedenen Regionen Polens und seiner ehemaligen Ostgebiete.

 

Pommern und die Vertreibung der Deutschen

Auf die Frage, was ihm für das 2o. Jahrhundert und seine Geschichte besonders charakteristisch erscheine, antwortete der Schriftsteller und gebürtige Rheinländer Heinrich Böll, unser Jahrhundert werde wahrscheinlich einmal als »das Jahrhundert der Vertriebenen und Gefangenen« in die Geschichte eingehen. In der Tat begann das 20. Jahrhundert mit Vertreibungen auf dem Balkan, und es sieht ganz danach aus, als endete es auch wieder mit Vertreibungen auf dem Balkan. Aber die Vertreibungsvorgänge im Europa des 2o. Jahrhunderts beschränken sich keineswegs auf den Balkan. Sie sind eine gesamteuropäische Erscheinung. Zu den Vertreibungen der Albaner aus dem Kosovo von 1914 und 1999 tritt die lange Reihe der Vertreibungen von Griechen und Tarken, Finnen beziehungsweise Kareliern, Esten, Polen, Kroaten, Serben, Deutschen aus Schlesien, Ostpreußen, der Neumark, Pommern und weiten Teilen Osteuropas, von den geplanten und nicht zur Ausführung gekommenen Vertreibungen, die etwa der Generalplan Ost vorsah, gar nicht erst zu reden. Oft sind Vertreiber und Vertriebene von demselben nationalistischen Bewusstsein geprägt gewesen. Angesichts der Häufigkeit solcher Vertreibungen im Europa des 20. Jahrhunderts kann diese Aufzählung keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erheben, denn jeder wird aus seiner Kenntnis leicht noch einige weitere hinzufügen kiinnen. Ihnen allen liegt die .Irrlehre vom ethnisch homogenen Nationalstaat« zugrunde. Solange diese politisch virulent ist, so lange wird in Europa wohl noch mit Vertreibungen zu rechnen sein.

Die Vertreibungen aus Pommern weisen freilich eine Besonderheit auf, die mit der geographischen Lage des Landes zu beiden Seiten der Odermündung zusammenhängt: sie machten — nimmt man Stettin mit seiner näheren Umgebung aus — an der Oder halt. Immer vollzog sich das. Schicksal Pommerns und seiner Einwohner unter dem determinierenden EinfluB seiner Lage zu beiden Seiten der Odermandung. Far den nach Westen verschobenen polnischen Staat kam es darauf an, Stettin in semen Besitz zu bringen. Das war auch schon das Ziel Schwedens im 17. und PreuBens im 18. Jahrhundert gewesen. Der Besitz Hinterpommerns allein erschien aus polnischer Sicht ebensowenig erstrebenswert wie aus der des brandenburgischen Kurfürsten im 17. Jahrhundert. Stettin und die Odermandung erweisen sich dadurch als das Herz-stack Pommerns. Anders als die alten Machte bediente der Nationalstaat t des 19. und 20. Jahrhunderts sich jedoch der Vertreibung und des Bevölkerungsaustausches, w~währendnd sich der Staat der Frühen Neuzeit, der noch von einem personalistischeHerrschaftsverständnisis ausging, mit deTreueeidid und der Huldigung seiner neuen Untertane begnügte.e. Tempora mutantur!

Vom Standpunkt des historischen Bruches, ja des Epochenwechsels von 1945 offenbart sich die Odermandung wieder einmal als eine fundamentale GrOBe der Geschichte Pommerns, von deren geographischem Verlauf das Schicksal des Landes aber die Jahrhunderte hinweg abhängig gewesen ist. Dabei ist hier mit dem Ausdruck .Schicksal, fernab von aberhatem Pathos — nicht etwa eine höhere Macht gemeint, die sich in irrationaler Weise menschlicher Kontrolle entzieht, sondern ganz konkret der geographische Verlauf der Oder, insofern dieser nämlich in den Jahren des Zweiten Welt-kliegs für die politischen und militärischen Entscheidungen aber das fernere Schicksal der Pommern maßgeblich war, nämlich darüber, ob sie vertrieben werden sollten wie die Hinterpommern oder in ihrer Heimat wohnen bleiben durften wie die überwiegende Mehrheit der Vorpommern. Die Oder war eben nicht nur Lebensader, sondern vor allem auch Schicksalsfluß für Pommern.

 

Die historische Bedeutung der Odermündung

Sicherlich ahnte Herzog Wartislaw I. nichts von der Bedeutung, die seine Expansionspolitik für die nachfolgenden Generationen haben sollte. Es war dieser erste in den historischen Quellen greifbare Repräsentant der Greifendynastie, der zu Beginn des 12. Jahrhunderts seinen Herrschaftsbereich über die seit Generationen stabile Odergrenze des Stammesherzogtums der Pomoranen nach Westen hinaus erweiterte. Der Verfall des einst mächtigen Liutizenbundes hatte zur Entstehung eines Machtvakuums westlich der Oder geführt, in das die Pomoranen unter ihrem Herzog hineinstießen. Damit hatte Wartislaw I. entscheidende Weichen für die weitere Geschichte Pommerns gestellt. Indem es den Greifen damals gelang, sich an beiden Seiten der Odermündung festzusetzen und das Odermündungsgebiet zum Zentrum ihrer Herrschaft zu machen, entstand hier eine machtpolitisch besondere Situation, vergleichbar etwa mit der Lage Dänemarks zu beiden Seiten des Sunds. Sicherlich erreichte der Oderhandel zu keiner Zeit den Umfang und die Bedeutung des Sundhandels, aber er war immerhin so bedeutend, daß auch hier zahlreiche Mächte Interesse an der Kontrolle der Verkehrsader entwickelten. Insbesondere galt dies für die Gebiete im Bereich der Odermündung, wo sich Binnen- und Seehandel trafen und kontrolliert wurden. Dort machte nicht nur der städtische Kaufmann gute Gewinne, es winkten auch der Herrschaft nicht unerhebliche Zolleinkünfte. So haben seit dem frühen Mittelalter Polen, Dänemark, die sächsischen Herzöge und nicht zuletzt Brandenburg militärisch in dieses Gebiet eingegriffen, wobei sie häufig mit den Erzbistümern Gnesen beziehungsweise Roskilde und Magdeburg in Verbindung standen. Der Druck auf die Odermündung entlud sich im 15. und 16. Jahrhundert in zahlreichen Auseinandersetzungen zwischen Pommern und Brandenburg. In der Mitte des 17. Jahrhunderts führte die europäische Kräftekonstellation schließlich zur Aufhebung des Monopols nur einer Macht an der Odermündung zugunsten des schwedisch-brandenburgischen Dualismus. Auch hierin war die Lage an der Oder vergleichbar mit der am Sund, wo es fast gleichzeitig zur Aufhebung der dänischen Monopolstellung kam und Schweden sich auf dem östlichen Ufer des Sunds festsetzte.

Das Odermündungsgebiet hatte das Land nicht nur in zwei wirtschaftlich etwa gleich starke Teile untergliedert, es war auch immer das politische, wirtschaftliche und administrative Zentrum der Greifen und ihrer Nachfolger in der Herrschaft Pommerns gewesen. Hier lagen die beiden Residenzen: Stettin am Hauptstrom der Oder noch vor deren Einmündung in das Haff, Wolgast an der Peene, dem westlichsten Mündungsarm. Hieraus ergab sich das Bedeutungsgefälle zwischen den Städten Stettin und Wolgast. Stettin, von wo aus die Oder vollständig kontrolliert werden konnte, war von Anfang an die bedeutendere, Wolgast dagegen lag nur an einem von drei Mündungsarmen, wenn auch zunächst an dem einzigen, der von tiefgehenden Seeschiffen passiert werden konnte. Der Zoll brachte hier nicht unbeträchtliche Einnahmen, nachdem aber die Swine in der Mitte des 18. Jahrhunderts schiffbar gemacht worden war, sank die Bedeutung Wolgasts, bis es schließlich nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe war.

 

Pommern und die deutsche Ostsiedlung

Versteht man unter »Geschichte« den Teil der Vergangenheit, aus dem Schriftquellen überliefert sind, dann können wir feststellen, daß auch am Anfang der Geschichte Pommerns ein Vorgang stand, den wir heute als Teil eines umfassenden europäischen Prozesses begreifen gelernt haben: die deutsche Ostsiedlung des Mittelalters. Ebenso wie die anderen europäischen Wanderungsbewegungen des Hochmittelalters, etwa die der Normannen oder der Franzosen nach Spanien hinein, wurde auch die deutsche Ostsiedlung verursacht durch das Bevölkerungswachstum im Westen Europas, das vom 11. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts andauerte. Damit ist der innere Zusammenhang der mittelalterlichen Wanderungsbewegungen benannt. Ziel dieser Wanderungsund Siedlungsbewegungen war die Kultivierung bis dahin ungenutzten Bodens, der sogenannte Landesausbau. Die deutschen Siedlungsvorgänge in Pommern folgten ebensowenig wie die übrigen Wanderungsbewegungen einer wie auch immer gearteten Ideologie. Vielmehr war die deutsche Siedlung in Pommern ausschließlich von praktischen Erfordernissen geprägt. Vorgänge des Landesausbaus setzten im Frühmittelalter in Südfrankreich ein, breiteten sich im hohen Mittelalter nach Ostmitteleuropa aus und von dort nach Osteuropa bis weit in das Gebiet des heutigen Rußland hinein. Erst die um die Mitte des ig. Jahrhunderts sich durchsetzende nationale Geschichtsschreibung konstruierte rückblickend einen slawisch-germanischen Gegensatz in die deutsche Ostsiedlung des Hochmittelalters hinein. Aber das war Ideologie des Ig. Jahrhunderts, nicht des Mittelalters.

In Pommern waren es die Herzöge und die adligen Grundeigner, welche die Siedlungs- und Städtegründungsprozesse in ihrem Herrschaftsbereich in Gang setzten. Zu diesem Zeitpunkt, um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert, waren sie relativ schwach und erhofften sich von den Siedlern Vorteile im Sinne der Konsolidierung sowie der Stärkung ihrer Herrschaft. Es ging ihnen um den Ausbau ihres Landes, um dessen intensivierte Nutzung im Interesse der Sicherung von Herrschaft und Territorium. Eingewanderte Siedler und alteingesessene Grundeigner gingen ein Verhältnis gegenseitigen Nutzens ein: bessere Rechte und gute wirtschaftliche Bedingungen gegen Abgaben und Dienste zur Sicherung von Herrschaft und Territorium. Dabei war unerheblich, welche Sprache und Sitten die ins Land gerufenen Siedler hatten, entscheidend waren ihr Können und ihre Fähigkeiten in der Beherrschung der neuen und effektiveren Kulturtechniken. Außer Können und Fähigkeiten gab es keine Festlegung bei der Suche nach Siedlern. Angesiedelt werden sollten »cuiuscunque gentis et cuiuscunque artis homines« (Menschen welcher Herkunft und welchen Handwerks auch immer), so steht es in zahlreichen von pommerschen Herzögen und rügischen Fürsten ausgestellten Urkunden. Die Hoffnungen der Herzöge und des pommerschen Adels sollten sich erfüllen: Es ist ihnen gelungen, die Herrschaft vom pomoranischen Stammesherzogtum kontinuierlich bis in die deutsche Zeit hinein zu bewahren, wenn auch in den äußeren Formen eines Reichslehens mit der daraus folgenden Einschränkung der einstigen Unabhängigkeit. Die Einheimischen lernten die neuen Kulturtechniken offenbar so leicht und schnell von den Eingewanderten, daß man in weiten Teilen Pommerns schon bald nicht mehr zwischen den Nachkommen von Zugewanderten und den Nachfahren der Einheimischen unterschied. Eine Ausnahme stellten die Regionen des östlichen Hinterpommern dar. Die dort siedelnden Kaschuben haben sich bis ins 20. Jahrhundert hinein als eigenständige Volksgruppe erhalten. Auch sie gehören zum unverwechselbaren Bild Pommerns. In den Kaschuben, die schon in den ältesten Herzogstiteln aufgeführt werden, sah der Sprachwissenschaftler Friedrich Lorentz wohl nicht ganz zu Unrecht die direkten Nachfahren der alten slawischen Pomoranen.

Dafür, daß die Zahl der Siedler relativ gering gewesen ist, spricht auch, daß einige Gebiete Pommerns gar nicht in die deutsche Siedlung einbezogen wurden, diese aber dennoch die deutsche Sprache annahmen, vermutlich zusammen mit den neuen Kulturtechniken, deren Bezeichnungen deutsch und deren Gebrauch mit dem Deutschen verbunden war. Das gilt etwa für Rügen, wo keine oder nur geringfügige Siedlungsvorgänge nachweisbar sind, aber die Einwohner der Insel spätestens zu Anfang des 14.Jahrhunderts zum Gebrauch der deutschen Sprache übergegangen waren.

Zum Problem wurde die Unterscheidung zwischen »slawisch« und »germanisch« seit dem 1g. Jahrhundert, seitdem der Nationalismus begann, das Denken der Europäer zu bestimmen. In dieser Zeit schrieb Martin Wehrmann seine »Geschichte Pommerns«, die einerseits von dem ungeheuren Kenntnisreichtum ihres Verfassers Zeugnis abgibt, andererseits die auf Pommern bezogenen Teilprozesse der deutschen Ostsiedlung als »Großtat des deutschen Volkes« feierte, die zur »Germanisierung des Landes« geführt habe. Auch daran mag deutlich werden, daß die hier vorgelegte Geschichte Pommerns einem dringenden Erfordernis entspricht. Abgesehen von der Geschichte Pommerns von Hans Branig, deren Darstellung jedoch erst in der Mitte des 14.Jahrhunderts mit  em Entstehen eines modernen Landesbewußtseins in Pommerns einsetzt, ist
seit dem Erscheinen der Darstellung Wehrmanns keine umfassende Gesamtdarstellung der pommerschen Geschichte geschrieben worden.

 

Epochen pommerscher Geschichte

Ein Merkmal Pommerns sind die unterschiedlichen Formen herrschaftlich-staatlicher Selbständigkeit, die diese Landschaft im Laufe ihrer von radikalen Umbrüchen und Veränderungen geprägten Geschichte angenommen hat: das unabhängige Stammesherzogtum des 12.Jahrhunderts, der Lehnsstaat des Heiligen Römischen Reichs, das deutsche Reichsfürstentum der Frühen Neuzeit, die Schwedenzeit mit der für Pommern eigentümlichen Zwitterstellung als Provinz dieses Ostseereichs und als Lehen des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Ein Reichsfürstentum, das seine Stimme im Reichstag wahrnahm und seine Reichssteuern bezahlte, ist Pommern bis zum Untergang des Alten Reiches im Jahre 18o6 gewesen. In Erinnerung geblieben ist zuletzt aber vor allem das Bild der preußischen Provinz, das Pommern der Großagrarier
und der Junker. Im heutigen Bewußtsein hat sich Pommern geradezu als eine preußische Kernprovinz eingeprägt, und wenn Preußen in der Erinnerung als ein Staat weiterlebt, der von Großagrariern gelenkt und bestimmt wurde, so trifft das auch für Pommern zu. Nicht zuletzt dürfte das darauf zurückzuführen sein, daß seit dem ig. Jahrhundert zahlreiche Pommern im preußischen Staat führende Positionen einnahmen.

Wenn der Name Pommern heute noch immer zuerst und vor allem Assoziationen an Preußen weckt, dann schiebt sich auch hier das ig. Jahrhundert zwischen uns und die davorliegenden historischen Epochen. Wir haben es hier, bezogen auf die gesamte Geschichte Pommerns, mit einer für eine ehemalige preußische Provinz nicht untypischen historiographischen Schräglage zu tun, denn hier sind historische Traditionen verschüttet worden. Pommern ist nicht der monolithische Block, als den ihn die preußische Provinzialhistoriographie dargestellt hat. Die ehemaligen schwedischen Pommern verteidigten nach dem Übergang ihres Landes  an Preußen 1815 mit Erfolg ihre Selbstverwaltung, lehnten die preußische Städteordnung ab, und eine Patrimonialgerichtsbarkeit, wie sie in anderen Teilen Preußens noch bis in die zweite Hälfte des ig. Jahrhunderts bestand, kannten sie schon seit den Reformen Gustavs IV. Adolf im Jahre 18o6 nicht mehr. Noch bis zum Ende des ig. Jahrhunderts gab es im Lande zwei unterschiedliche Rechtssysteme mitsamt dazugehörenden doppelten, voneinander unabhängigen Gerichtsinstanzenzügen. Hinzu kam das bunte Völkergemisch Hinterpommerns, das sich, neben der deutschen Mehrheit, aus polnischen und kaschubischen Einwohnern sowie den Slowinzen zusammensetzte, die zwar den Kaschuben nahestanden, bis zur Wende vom Ig. zum 2o.Jahrhundert aber eine durchaus eigenständige Volksgruppe bildeten.

Tatsächlich haben große Teile Pommerns länger zu Schweden als zu Preußen gehört, ganz zu schweigen von der langen Zeit staatlicher Selbständigkeit. Stralsund, Greifswald und Rügen waren de facto fast igo Jahre schwedisch, dagegen nur 13o Jahre preußisch. Ihre preußische Zeit war dazu noch geprägt von Sonderregelungen, mit denen sie bis an die Schwelle zum 2o.Jahrhundert zäh ihre aus der Schwedenzeit überkommenen Rechte verteidigten, bevor sie diese dann schließlich mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre Igoo in der Substanz endgültig aufgeben mußten. Die preußische »Geschichte ohne Gleichen« haben sie im 17. und 18. Jahrhundert auf der anderen Seite als Gegner Brandenburgs beziehungsweise Preußens mitgemacht. Sie waren Bürger der von den brandenburgischen Soldtruppen beschossenen und zerstörten pommerschen Städte. Als Julius von Bohlen, der borussophile Landeshistoriker Pommerns im ig. Jahrhundert, sie deswegen bedauerte, haben sie sein Bedauern wohl kaum nachempfinden können. Diesen  Traditionsstrang pommerscher Geschichte aus dem allgemeinen Bewußtsein verdrängt zu haben ist eine der spezifischen Leistungen einer borussophilen Geschichtsbetrachtung, die ganz im Sinne der preußischen Staatsdoktrin die Auffassung vertrat, schon im 15. Jahrhundert hätten die Hohenzollern nationale deutsche Interessen vertreten in ihrem Bestreben, die Greifen aus ihrer angestammten Herrschaft zu verdrängen. Aus diesem Blickwinkel stellte sich die lange Zugehörigkeit Pommerns zu Schweden »als ein großes nationales Unglück« dar. Damit wurden nationale Interessen und ein nationales Unglück in eine Zeit projiziert, in der niemand nationalgedacht und empfunden hatte und das Aufkommen eines Nationalgefühls noch Jahrhunderte auf sich warten ließ.

Die hier vorgelegte Geschichte Pommerns will insgesamt dazu beitragen, diese Schräglage der pommerschen Historiographie ins Gleichgewicht zu bringen und jeder der Epochen der pommerschen Geschichte zu ihrem Recht zu verhelfen, als da sind:

  1. Das selbständige hochmittelalterliche Staatswesen der Pomoranen, das bereits ein Jahrhundert
    lang im Lichte der Quellen greifbar wird, bevor die Greifenherzöge und die einheimischen adligen
    Grundeigner die Initiative zu Kolonisation und Landesausbau ergreifen und bevor sich die
    Pommernherzöge um die Wende vom 12. zum i3. Jahrhundert in schneller Folge reihum in die
    Lehnsabhängigkeit vom staufeschen Kaisertum, von Dänemark, von Polen sowie von Brandenburg
    begeben, je nachdem, wer von diesen gerade den stärksten militärischen Druck auf die
    Odermündung ausübt.
  2. Das Reichslehen seit dem Ende des I2. Jahrhunderts und die damals einsetzende Epoche der
    Kolonisations- und Städtegründungsprozesse, die bis in die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts
    hinein andauert. Parallel hierzu verläuft der Prozeß der Integration der Greifenherrschaft als
    Reichslehen in das Heilige Römische Reich.
  3. Das frühneuzeitliche Reichsfürstentum der Reformationszeit bis hin zum Ausbruch des
    Dreißigjährigen Krieges mit den charakteristischen Prozessen frühneuzeitlicher Staatsbildung dieser
    Zeit. Diese Prozesse werden durch den Verlust der Eigenstaatlichkeit Pommerns abgebrochen und
    unter den neuen Herrschaften in entsprechender Weise umgeformt.

Heute ist das Territorium der historischen Kulturlandschaft Pommern aufgeteilt zwischen Polen und Deutschland. Hierin liegt eine Chance, die es zu nutzen gilt. Da beiderseits der deutsch-polnischen Grenze ein Interesse an der Pflege des pommerschen Kulturerbes und der Geschichte des »Landes am Meer« besteht, sind die Voraussetzungen zu Zusammenarbeit und wissenschaftlichem Austausch vorhanden. Das bietet die Möglichkeit, die weitere Erforschung der pommerschen Geschichte gemeinsam voranzutreiben und dabei gleichzeitig ein Stück deutsch-polnischer Geschichte aufzuarbeiten. An der im Jahre 1984 gegründeten Universität Szczecin (Stettin) wurden gleich mehrere Professuren eingerichtet, die sich mit der Geschichte Pommerns befassen. In Greifswald wurde 1994 vom Bund eine Stiftungsprofessur für pommersche Geschichte und Landeskunde eingerichtet. Hier ist polnischen und deutschen Historikern die Möglichkeit geboten, gemeinsam die pommersche Geschichte zu erforschen und zu einer allgemein akzeptierten Darstellung zu gelangen. Wir erleben heute schon die objektivierende Wirkung des internationalen wissenschaftlichen Diskurses. Mit diesem Band soll auf diesem Wege ein gutes Stück weiter vorangeschritten werden.

Z U F Ä L L E
Vier Zäsuren, Phasen, Umbrüche im 20.Jahrhundert
POMMERN – WAS IST DAS?
LANDESGESCHICHTSSCHREIBUNG *

* Deutsche Geschichte im Osten Europas, Pommern (Band 9), herausgegeben von WernerBuchholz

Das Pommernlied

Alles in und über Pommern beginnt mit dem Pommernlied von 1852!

Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn, bringen frohe Kunde Geister ungesehn, reden von dem Lande meiner Heimat mir, hellem Meeresstrande, düsterm Waldrevier.

Weiße Segel fliegen auf der blauen See, weiße Möwen wiegen sich in blauer Höh‘, blaue Wälder krönen weißer Dünen Sand. Pommerland, mein Sehnen ist dir zugewandt.

Aus der Ferne wendet sich zu dir mein Sinn, aus der Ferne sendet trauten Gruß er hin. Traget, laue Winde, meinen Gruß und Sang, wehet leis‘ und linde, treuer Liebe Klang.

Bist ja doch das eine in der ganzen Welt, bist ja mein, ich deine, treu dir zugesellt. Kannst ja doch von allen, die ich je gesehn, mir allein gefallen, Pommerland, so schön.

Jetzt bin ich im Wandern, bin bald hier, bald dort, doch aus allen andern treibt’s mich immer fort, bis in dir ich wieder finde meine Ruh‘, send‘ ich meine Lieder dir, o Heimat, zu.

Text: Adolf Pompe,1852
Melodie: Karl Groos, 1818 („Freiheit, die meine…“)

Karl Groos hat die Melodie ein Jahr nach dem Tode von Max von Schenkendorf (1783 – 1817) komponiert, der das Gedicht „Freiheit, die ich meine“ als eines seiner bekanntesten Liedtexte schuf.

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